Privatwirtschaftliche Weiterbildung – im Westen viele kleine, im Osten wenige große Anbieter

Durchschnittlich 44,48 privatwirtschaftliche Weiterbildungseinrichtungen standen im Jahr 2012 für 100.000 Bundesbürger zur Verfügung. Diese Einrichtungen sind vor allem in der beruflichen Weiterbildung tätig und orientieren sich an den Gegebenheiten des Marktes. Der Markt entscheidet dabei nicht nur über die inhaltlichen Schwerpunkte der Weiterbildung, sondern auch über die Orte, an denen privatwirtschaftliche Weiterbildung – stärker oder weniger stark – nachgefragt wird. Eine Erkenntnis des Weiterbildungsatlas ist: Im Osten der Republik dominieren wenige große Anbieter und im Westen viele kleine.

Die Auftraggeber beziehungsweise Kunden privatwirtschaftlicher Weiterbildungsanbieter reichen von Privatpersonen über Betriebe bis hin zur Bundesagentur für Arbeit. Ebenso vielfältig ist auch die Größe der Einrichtungen: Sie reicht vom Einzelunternehmer, der als Coach oder Trainer arbeitet, bis zu Unternehmen, die mehrere Weiterbildner unter einem Dach vereinen. Die Branche der privatwirtschaftlichen Weiterbildungsanbieter in Deutschland zeigt einen leichten Aufwärtstrend. Im Jahr 2011 gab es 35.032 Anbieter, im Folgejahr 2012 waren es 35.818.

Es ist davon auszugehen, dass das privatwirtschaftliche Weiterbildungsangebot der Kommunen von den wirtschaftlichen Gegebenheiten vor Ort abhängt. Das beinhaltet auch die Frage, ob sich Weiterbildung für den Einzelnen überhaupt rechnet – ob sie also der Bevölkerung neue oder bessere Chancen eröffnet.


Heterogene Anbieterstrukturen – ein neues Bild der privatwirtschaftlichen Weiterbildung

Die Kennzahl des vorliegenden Weiterbildungsatlas zu den privatwirtschaftlichen Angeboten unterscheidet sich deutlich von der des vorangegangenen. Das hat damit zu tun, dass hier absolute Anbieterzahlen betrachtet werden, im ersten Atlas dagegen gewichtete Werte. Diese orientierten sich an den Beschäftigtenzahlen der Weiterbildungsanbieter. Welcher Anbieter wie groß ist, konnte aus Datenschutzgründen dieses Mal allerdings nicht berücksichtigt werden. Daher werden in diesem Atlas die absoluten ungewichteten Einrichtungen berichtet.

Die einzelnen Länder weichen zum Teil deutlich von den durchschnittlichen 44,48 Weiterbildungseinrichtungen je 100.000 Einwohner im Jahr 2012 ab. So kann das bestversorgte Bundesland Hamburg mit 74,50 privatwirtschaftlichen Anbietern drei Mal so viele vorweisen wie das am geringsten versorgte Thüringen mit 25,29. Wie schon beim ersten Weiterbildungsatlas so ist auch bei dieser Ausgabe eine Schere vor allem zwischen Ost und West zu beobachten. Diesmal allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Die gewichteten Zahlen des Jahres 2011 attestierten den östlichen Bundesländern mehr privatwirtschaftliche Weiterbildungseinrichtungen je Einwohner als den westlichen. Und nun eine umgekehrte Situation: Im Westen gibt es mehr Anbieter als im Osten.

Ein zunächst überraschendes Bild, das aber eben auf ungewichteten Zahlen beruht und daher vor allem einen Rückschluss zulässt: In den westlichen Bundesländern gibt es einen wesentlich höheren Anteil an Klein- und Kleinstanbietern. Deren Masse macht die bemerkenswerte Verschiebung des Befundes aus und zeigt, wie seit der Wende vor allem große privatwirtschaftliche Weiterbildungsanbieter in die östlichen Bundesländer gedrängt sind – Anbieter mit breiten Themenspektren und ebenso breit aufgestellter Belegschaft. Die privat agierenden Einzelcoaches und Trainer hingegen, so scheint es, sind vorwiegend ein Phänomen des Westens.

Beim Blick auf die Bundesländer ergibt sich folgendes Bild: Hamburg weist mit 74,5 Einrichtungen pro 100.000 Einwohner die höchste Dichte privatwirtschaftlicher Anbieter auf. Darauf folgt Berlin mit 60,91. Die westlichen Flächenländer haben eine Spannweite von 37,41 im Saarland bis 54,07 Einrichtungen in Hessen. Ganz anders dann der Osten mit 25,29 in Thüringen bis 34,12 in Sachsen. Die wirtschaftsstarken Länder wie Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz liegen eher im Durchschnitt.


Private Anbieter zieht es in die Ballungsgebiete

 Beim Blick auf die kommunale Ebene erweisen sich viele Ballungsräume, Landeshauptstädte, klassische Verwaltungsstandorte und Universitätszentren als besonders gut versorgt: Städte wie Münster mit 83,28 Angeboten je 100.000 Einwohner, Kassel (78,81), Köln (81,12) oder Regensburg (78,09) sind Zentren mit eigenen wirtschaftlichen Schwerpunkten und  Weiterbildungsbedarf in vielen Branchen und Berufen. Ideale Voraussetzungen gerade für kleine und kleinste privatwirtschaftliche Weiterbildungsanbieter.

Die Differenzen zwischen den Kommunen mit den meisten und wenigsten Anbietern sind immens. Starnberg und Heidelberg liegen mit 118,12 bzw. 105,10 sehr hoch. Ihnen gegenüber steht am unteren Ende der Skala der Kyffhäuserkreis im Norden von Thüringen, mit gerade einmal 3,82 privatwirtschaftlichen Weiterbildungsanbietern je 100.000 Einwohner. In der Quartilsberechnung zeigt sich: Das schwächste Viertel der Kommunen hat weniger als 26,36 Anbieter je 100.000 Einwohner, die Hälfte weniger als 35,81 und das stärkste Viertel mehr als 49,57.

Allerdings lohnt sich gerade bei der Betrachtung der Kommunen mit den schwächsten Werten ein genauerer Blick: Diese finden sich nämlich nicht vorrangig im Osten, sondern vor allem im Westen Deutschlands. Darunter Landkreise wie Tirschenreuth in der Oberpfalz (8,12), Hof in Bayern (10,22) oder auch Cochem-Zell in Rheinland-Pfalz (12,60). Es zeigt sich: Selbst in wirtschaftlich prosperierenden Ländern ziehen ländlich geprägte Gebiete kaum privatwirtschaftliche Weiterbildungseinrichtungen an.


Ländliche Regionen unterversorgt

Die Umfeldbetrachtung des Weiterbildungsangebotes zeigt auch für den privatwirtschaftlichen Bereich: Aneinander grenzende Kommunen haben erheblichen Einfluss aufeinander. Das Weiterbildungsangebot der Nachbarn kann die eigenen Werte deutlich nach oben oder unten beeinflussen. Betrachten wir das Beispiel Münster, eine klassische Universitäts- und Verwaltungsstadt in NRW: Mit 83,28 Einrichtungen vor Ort ist sie besonders gut versorgt. Bezieht man das  Angebot im Umfeld mit ein, sinkt das Gesamtangebot beträchtlich auf 48,29 je 100.000 Einwohner. Die Erklärung dafür liefert das ländlich geprägte Umfeld mit seinen wenigen privatwirtschaftlichen Anbietern. Ähnliche Phänomene zeigen sich in Kaiserslautern (62,81 zu 37,48), Trier (64,76 zu 37,23) oder auch Coburg, wo der starke Vor-Ort-Wert der reinen Anbieterzahlen von 70,69 durch das Umfeld um mehr als die Hälfte sinkt.

Insgesamt reicht die Spannweite der Anzahl privatwirtschaftlicher Weiterbildungseinrichtungen in der Umfeldbetrachtung von 103,18 bei der Stadt München bis zu 15,90 im Umfeld des Landkreises Prignitz. Auch hier der Blick auf die Quartilsberechnung: Das schwächste Viertel verzeichnet weniger als 28,60 Anbieter der privatwirtschaftlichen Weiterbildung, die Hälfte weniger als 35,67, und das stärkste Viertel über 45,41.

Im unteren Feld der Umfeldbetrachtung finden sich denn auch vor allem ostdeutsche Kommunen – vorrangig ländliche Kommunen mit gering ausgeprägter Wirtschaftskraft, die für privatwirtschaftliche Weiterbildungseinrichtungen nur von geringem Interesse sind.


Ländliche Regionen profitieren kaum von Markt

Der Blick auf die Anzahl privatwirtschaftlicher Weiterbildungseinrichtungen in Deutschland offenbart im Vergleich mit den gewichteten Zahlen des vorangegangenen Weiterbildungsatlas einen neuen Befund: Im Westen gibt es eher eine große Zahl kleinerer Einrichtungen, im Osten wenige, aber dafür große Institute. Ein wichtiger Aspekt, blickt man auch auf die Risiken, die sich wandelnde Arbeitsmärkte und konjunkturelle Zyklen mit sich bringen. Kleine, flexible Anbieter können sich unter Umständen schneller anpassen als etwas schwerfälligere, große Institute. Ebenso nachvollziehbar wie auffällig ist die starke Präsenz privatwirtschaftlicher Weiterbildungsanbieter in wenigen, vor allem städtischen oder stadtnahen Kommunen.

Für Regionen jenseits der Ballungsräume verstärken sich indes die Risiken: je ländlicher die Gegend, umso dünner die Anbieterdichte. In vielen Fällen sorgt nicht einmal mehr das Umfeldangebot für eine gute Versorgung mit privatwirtschaftlicher Weiterbildung. Damit verringern sich die Lernchancen der betroffenen Bevölkerung. Gleiches gilt für dort ansässige Unternehmen. Für sie erhöht sich der Aufwand an Zeit und Geld, um die Angebote weit entfernt operierender Anbieter für sich nutzen zu können. In ohnehin strukturell schwachen ländlichen Gebieten kann dies zu einer Abwärtsspirale bei den Entwicklungschancen für Mensch und Unternehmen beitragen.


Studie Deutscher Weiterbildungsatlas

Die Broschüre des Deutschen Weiterbildungsatlas bietet Ihnen alle zentralen Ergebnisse und Zusammenhänge in kompakter Form. Neben den Berichten mit der Einordnung der Ergebnisse, finden Sie hier alle wichtigen Karten und Grafiken. Darüber hinaus finden Sie hier auch die Kurzfassungen der Fallstudien sowie Ausführungen zur Methodik.
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Ergebnisbericht

In dem Ergebnisbericht des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) des WBV-Verlags finden Sie weiterführende Informationen zu den Ergebnissen und Methoden sowie die ausführlichen Fallstudien der Wissenschaftler vom DIE und der FU Berlin.

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