Öffentliches Weiterbildungsangebot – Deutliches Gefälle von West nach Ost

Volkshochschulen stellen ein breites öffentliches Weiterbildungsangebot bereit – sowohl beruflich als auch allgemeinbildend. In den Jahren 2012 und 2013 gab es im Schnitt 6,92 VHS-Kurse für 1.000 Menschen. Allerdings variierte dieses Angebot je nach Bundesland zum Teil stark: So standen den Einwohnern in Baden-Württemberg mit fast elf VHS-Kursen im Schnitt viermal so viele öffentliche Weiterbildungsangebote zur Verfügung wie den Einwohnern in Brandenburg. Dieser Unterschied ist exemplarisch für das starke West-Ost-Gefälle beim VHS-Angebot. Doch auch innerhalb der Bundesländer gibt es starke Schwankungen bei der Anzahl der angebotenen Kurse. Das zeigt der Blick auf Deutschlands Kommunen, die in diesem Weiterbildungsatlas erstmals analysiert werden. Bewohner von Kommunen mit nur einem geringen VHS-Angebot haben jedoch die Möglichkeit, auch das öffentliche Weiterbildungsangebot anderer Kommunen zu nutzen. Weiterbildung ist nicht auf die administrativen Grenzen beschränkt, sondern wird auch im Umfeld wahrgenommen.  

Die Zahl der Volkshochschulen hat von bundesweit 924 im Jahr 2012 auf 917 im Jahr 2013 leicht abgenommen. Das Angebot der Volkshochschulen ist hingegen im selben Zeitraum leicht gestiegen – um durchschnittlich 0,06 Kurse auf 6,93 je 1.000 Einwohner. Diese öffentlich angebotenen und durchgeführten Kurse bilden zum Teil auch die Angebotsvielfalt ab. Die Anzahl der Teilnehmer, der zeitliche Umfang und die Qualität der Kurse kann sich regional allerdings unterscheiden.  Die Volkshochschulen sind im Weiterbildungsatlas die alleinige Messung des öffentlichen Angebotes, das darüber hinaus beispielsweise auch schulische und universitäre Weiterbildungen beinhaltet.


Deutlich weniger öffentliche Weiterbildungsangebote im Osten

Auch in den Jahren 2012 und 2013 war die Spannweite der VHS-Angebote vor allem von einem starken Westen und einem schwachen Osten geprägt. Dieser Befund bestätigt die Ergebnisse aus dem vorangegangenen Weiterbildungsatlas. Die östlichen Bundesländer weisen dabei die geringsten Angebote auf. Am stärksten zeigt sich noch Thüringen mit durchschnittlich 4,16 Kursen/1.000 Einwohner. Brandenburg dagegen verzeichnet mit 2,57 Kursen/1.000 Einwohner ein geringes Angebot. Die Daten aus 2013 zeigen: Von einer gleichwertigen Versorgung mit Volkshochschulkursen in allen Bundesländern sind wir weit entfernt.

Bei den westlichen Bundesländern reicht die Zahl der Angebote pro tausend Einwohner von schwachen 3,76 Kursen in Hamburg über 5,23 in Nordrhein-Westfalen bis hin zu 10,71 in Baden-Württemberg. Immerhin verzeichnet die Hansestadt mit +0,26 Angeboten zwischen 2012 und 2013 den im Ländervergleich stärksten Zuwachs. Den größten Rückgang dagegen musste mit -0,22 Kursen die Hansestadt Bremen verbuchen. Positiv ist allerdings, dass in nur fünf Bundesländern das Angebot überhaupt abnahm. Alle anderen legten zu.


24-mal mehr Kurse im stärksten Kreis als im schwächsten

Bereits der erste Weiterbildungsatlas hat gezeigt, wie groß die regionalen Unterschiede im öffentlichen Weiterbildungsangebot sind. Für die Jahre 2007 bis 2011 wurden dafür die sogenannten Raumordnungsregionen ausgewertet. Der vorliegende Weiterbildungsatlas ist regional noch feingliedriger und betrachtet die Weiterbildungssituation in den einzelnen Kommunen. Jede der insgesamt 402 bundesdeutschen Kommunen hat ihr ganz spezifisches Volkshochschulangebot.  

Der Blick auf das VHS-Angebot in den Jahren 2012 und 2013 zeigt eine extreme Spannweite: Die Kommune mit den meisten Angeboten pro 1.000 Einwohner (Schweinfurt, 28,53) liegt um das mehr als 24-Fache über der mit den wenigsten Angeboten (Märkisch-Oderland, 1,17). Ein Viertel der Kommunen weist weniger als 4,45 Angebote auf, die Hälfte der Kommunen weniger als 6,48 und das stärkste Viertel mehr als 9,31 VHS-Kurse je 1.000 Einwohner. 

Im angebotsstarken Baden-Württemberg beispielsweise ist die Versorgung extrem ungleich: Die Spannweite auf kommunaler Ebene reicht von 3,15 im Landkreis Sigmaringen bis hin zu 19,15 in der Stadt Heilbronn. Ähnliches gilt allerdings auch für die Verhältnisse im besonders schwachen Brandenburg. Hier reicht die Spanne der VHS-Angebote von 7,65 in Frankfurt (Oder) bis zum deutschlandweit niedrigsten Wert von 1,17 im Landkreis Märkisch-Oderland.

Weniger dramatisch sind dagegen die Unterschiede in Nordrhein-Westfalen. Das bevölkerungsreichste Bundesland bietet pro 1.000 Einwohner ein kreisbezogenes VHS-Angebot von 2,23 in der Stadt Essen bis hin zu 9,2 im Landkreis Coesfeld.

Die fünf Kommunen mit den meisten VHS-Angeboten liegen alle in Bayern. Es sind Schweinfurt mit 28,53 Angeboten pro 1.000 Einwohner sowie Bamberg (28,51), Aschaffenburg (27,50), der Landkreis München (26,66) und Memmingen (21,84).  

Das geringste öffentliche Weiterbildungsangebot bieten die Kommunen Märkisch-Oderland (1,17), Zwickau (1,55), Mittelsachsen (1,62) und Nordwestmecklenburg (1,67). Ohnehin ist die Dominanz ostdeutscher Kommunen im unteren Viertel der 402 Kommunen augenfällig. Allerdings finden sich dort auch Städte wie Essen, Oberhausen und Duisburg.


Blick ins Umfeld eröffnet realistischere Perspektiven

Ein etwas anderes Bild von Weiterbildung zeigt sich, wenn man den Analysehorizont auf das tatsächliche Lebensumfeld der Bevölkerung erweitert. Menschen suchen Weiterbildungsmöglichkeiten auch jenseits der Angebote vor Ort. Der Deutsche Weiterbildungsatlas nutzt deshalb empirische Erkenntnisse darüber, wie Menschen für Bildungszwecke pendeln. So lassen sich die realen Weiterbildungsmöglichkeiten und -strukturen lebensnäher abbilden. Hierzu werden die Angebote umliegender Volkshochschulen anteilig in die Berechnung eines Umfeldangebotes einbezogen. Berücksichtigt wird dabei auch, wie weit die Volkshochschulen vom jeweils betrachteten Kreis entfernt sind. Sprechen wir also nachfolgend von Umfeldangebot, ist immer das Weiterbildungsangebot einer Kommune inklusive der Angebote aller Kommunen im Umfeld gemeint. Den Berechnungen zugrunde liegt wiederum der Mittelwert der Angebote aus den Jahren 2012 und 2013. 

Im Ergebnis zeigt sich: Die Versorgung der Bevölkerung mit VHS-Kursen im Umfeld der Kommunen reicht von 1,63 je 1.000 Einwohner bis 16,02. Auch hier klafft noch eine deutliche Schere. Sie ist jedoch kleiner als bei den VHS-Angeboten direkt vor Ort. Von einem starken Weiterbildungsangebot im Umland profitieren vor allem Einwohner aus Kommunen mit einem nur schwachen Angebot.

Gleichzeitig nivelliert diese Betrachtung die besonders hohen Angebotszahlen in bestimmten Kommunen: Nach Berücksichtigung der (häufig geringeren) Zahlen aus dem Umfeld liegt das Umfeldangebot unter dem reinen Vor-Ort-Angebot. Für die Umfeldanalyse ergibt sich folgende Quartilsberechnung: Ein Viertel der Kommunen hat weniger als 4,98 Angebote, die Hälfte der Kommunen weniger als 6,25 und das stärkste Viertel mehr als 8,38 je 1.000 Bewohner.

Ein besonders großes Umfeldangebot verzeichnen Kommunen in Bayern und Baden-Württemberg: in der Stadt München beträgt es zum Beispiel 16,02 Angebote je 1.000 Einwohner, in Freiburg im Breisgau (13,75), in Nürnberg (13,26), im Landkreis München (13,22) sowie in der Stadt Stuttgart (13,02). Sehr schwach hingegen sind die Kommunen Ostprignitz-Ruppin (1,63), Märkisch-Oderland (1,67), Barnim (1,81), Oberhavel (1,85) und Dessau-Roßlau (1,97). 

Das angebotsärmste Viertel aller 402 Kommunen wird fast ausschließlich von ostdeutschen Kommunen dominiert. Die weiteren stammen vor allem aus NRW. Bei den schwächsten Kommunen zeigen sich im Beobachtungszeitraum auch kaum positive Veränderungen. Dies liegt maßgeblich daran, dass besonders im Osten das Vor-Ort-Angebot kaum steigt.


Schwache profitieren von den Starken

Ein Vergleich zwischen Vor-Ort- und Umfeldangeboten eröffnet interessante Einblicke. Beginnen wir dort, wo das Ortsangebot sehr gering ausfällt. Märkisch-Oderland, die Kommune mit den wenigsten Angeboten je 1.000 Einwohner, kann nach Einbeziehen seines Umfelds ein leicht größeres Angebot vorweisen: Hier steht ein Vor-Ort-Angebot von 1,17 einem Umfeldangebot von 1,67 gegenüber. Deutlicher ist der Unterschied beim Landkreis Zwickau: Dieser legt von 1,55 beim unmittelbaren Ortsangebot auf 3,22 beim erweiterten Ortsangebot zu. Ein noch klareres Bild zeichnet der Enzkreis: Hier erhöht sich das Angebot von 1,68 Kursen vor Ort auf 10,09 VHS-Kurse nach Berücksichtigung des Umfeldes. Gerade für den Enzkreis ist das auch leicht nachvollziehbar: Der Enzkreis umgibt die Stadt Pforzheim. Ihr hohes Angebot vor Ort (18,63) wird zu einem großen Teil dem Umfeldangebot des Enzkreises zugerechnet. 

Auch bei den Kommunen mit den größten Vor-Ort-Angeboten lassen sich derlei Differenzen ausmachen – allerdings zuungunsten dieser Kommunen. Schweinfurt beispielsweise kommt auf ein Verhältnis von 28,53 (Vor-Ort) zu 9,99 (Umfeld), Aschaffenburg gar auf 27,50 zu 7,83. Das ist allerdings eine weniger drastische Entwicklung, als die großen Zahlensprünge vermuten lassen. So sinkt Bamberg zwar nach Einbeziehen des Umfeldes von 28,51 auf 12,28, gehört damit aber immer noch zu den zehn stärksten Kommunen beim Umfeldangebot. Unterm Strich bieten viele schwächere Kommunen gute Weiterbildungsmöglichkeiten, weil das Angebot im Umland überdurchschnittlich ist.


Studie Deutscher Weiterbildungsatlas

Die Broschüre des Deutschen Weiterbildungsatlas bietet Ihnen alle zentralen Ergebnisse und Zusammenhänge in kompakter Form. Neben den Berichten mit der Einordnung der Ergebnisse, finden Sie hier alle wichtigen Karten und Grafiken. Darüber hinaus finden Sie hier auch die Kurzfassungen der Fallstudien sowie Ausführungen zur Methodik.
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Ergebnisbericht

In dem Ergebnisbericht des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) des WBV-Verlags finden Sie weiterführende Informationen zu den Ergebnissen und Methoden sowie die ausführlichen Fallstudien der Wissenschaftler vom DIE und der FU Berlin.

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