Betriebliches Weiterbildungsangebot – Abhängig von Konjunktur und regionaler Wirtschaftskraft

Wirtschafts- und Dienstleistungsregionen sind die entscheidenden Standorte für ein umfassendes betriebliches Weiterbildungsangebot. Vor allem Großstädte und zentrale Wirtschaftszentren bieten viele betriebliche Weiterbildungsangebote. Damit bestätigt sich der Befund des ersten Weiterbildungsatlas, dass die betriebliche Weiterbildung stark mit der regionalen Wirtschaftskraft und Branchenstruktur zusammenhängt. Strukturschwache Räume verzeichnen dementsprechend ein nur geringes betriebliches Weiterbildungsangebot.

Auf Basis der Daten von rund 4 Millionen Betrieben in Deutschland im Jahr 2012 zeigen sich erneut große Unterschiede bei den Ergebnissen der Bundesländer. Doch während der vorangehende Weiterbildungsatlas für die Jahre 2007 bis 2011 die 96 deutschen Raumordnungsregionen betrachtet hat, richtet sich der Blick auch bei dem der betrieblichen Weiterbildung auf die 402 deutschen Kommunen mit ihrem jeweiligen Umfeld.


Schwache Konjunktur führt zu sinkender betrieblicher Weiterbildung

Gemäß der neuesten Bevölkerungsdaten des Zensus 2011 standen den Deutschen im Jahr 2012 pro 1.000 Einwohner im Schnitt 47,45 betriebliche Weiterbildungsangebote zur Verfügung. Um diese Zahl mit der des Vorjahres zu vergleichen, lohnt sich ein Blick auf die absoluten Angebotszahlen: Hier zeigt sich ein Rückgang von rund 3,94 auf 3,82 Millionen Angebote in ganz Deutschland. Die Zahl der Angebote in der betrieblichen Weiterbildung sank also von 2011 auf 2012 um 2,86 Prozent. Ein interessanter Befund, denn er zeigt, wie sehr betriebliche Weiterbildung mit der wirtschaftlichen Entwicklung verknüpft ist: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs im Jahr 2012 nur leicht. Von 2010 auf 2011 verzeichnete das BIP allerdings – auch als Effekt der schnellen Erholung nach der Finanzkrise – einen deutlich größeren Anstieg.

Ebenso ging die Investitionsquote der Unternehmen in Deutschland von 2011 auf 2012 zurück. Damit war das Jahr 2012 deutlich wachstumsschwächer als sein Vorjahr. Und genau das spiegelt sich im Rückgang der betrieblichen Weiterbildung wider. Kurzum: Die sich abschwächende Konjunktur ging einher mit einer sinkenden betrieblichen Weiterbildung.

2012 hatte Baden-Württemberg beim Ländervergleich die Nase vorn. Die 56,13 betrieblichen Angebote pro 1.000 Einwohner liegen rund 20 Prozent über dem Bundesdurchschnitt – knapp vor Bayern mit 55,11 und Hamburg mit 52,70 Angeboten. Thüringen hingegen verzeichnete mit 34,18 das geringste betriebliche Weiterbildungsangebot, knapp hinter Sachsen-Anhalt (35,63) und Brandenburg (38,21). Die Spanne reicht somit von 34,18 bis 56,13 Angeboten pro 1.000 Einwohner.


Prosperierende Kommunen bieten größtes Angebot

 Der Blick auf die kommunale Ebene zeigt deutlich größere Unterschiede. Hier reicht die Spanne von 27,78 in der Stadt Herne bis 87,38 im Landkreis München. Die Zahlen verdeutlichen, wie weit die Schere der betrieblichen Weiterbildungsangebote bei Kommunen auseinandergeht: Das höchste Angebot liegt um mehr als das Dreifache über dem geringsten.

Die Verteilung aller Werte zeigt jedoch, dass viele Kommunen ein relativ durchschnittliches Angebot aufweisen: Das schwächste Viertel der 402 Kommunen verzeichnet im Jahr 2012 weniger als 40,28 Angebote der betrieblichen Weiterbildung je 1.000 Einwohner, die Hälfte weniger als 45,66. Das stärkste Viertel kann dagegen mehr als 52,70 Angebote vorweisen. Und hier sind es einige wenige wirtschaftlich florierende Kommunen wie die Landkreise München (87,38), Starnberg (84,34), Miesbach (74,18) und Städte wie Baden-Baden (83,75) oder München (73,76), die ein außerordentlich hohes Angebot aufweisen.

Am anderen Ende der Skala stehen ihnen Kommunen gegenüber mit unter 30 Angeboten pro 1.000 Einwohner: Herne (27,78), Gelsenkirchen (28,64), der Kyffhäuserkreis (28,73), Duisburg (29,22) und der Wartburgkreis (29,48). Diese ungleiche Verteilung überrascht nicht: Ein Teil der Unterschiede im betrieblichen Weiterbildungsangebot der Kommunen lässt sich auf die wirtschaftliche Stärke zurückführen. Und diese differiert in Deutschland regional sehr stark. Kommunen mit Industrie-, Dienstleistungs- und Finanzzentren spielen hier ihre Stärken aus.


Ballungsräume stärken schwächere Kommunen

Auch beim Angebot der betrieblichen Weiterbildung bezieht der Deutsche Weiterbildungsatlas erstmals auch das Umfeld mit ein, um die tatsächlichen Weiterbildungsaktivitäten vor Ort über Kreisgrenzen hinaus abbilden zu können. Denn: Wirtschaftliche Stärke beschränkt sich nicht auf einzelne Kommunen, sie umfasst ganze Regionen. Zudem findet betriebliche Weiterbildung dort statt, wo Unternehmen ihren Sitz haben bzw. wo sich ihre Geschäftstätigkeit konzentriert. Die Umfeldanalyse ergibt, dass man im Fall der betrieblichen Weiterbildung nicht immer davon ausgehen kann, dass schwächere Kommunen von ihrer Umgebung gestärkt werden – und umgekehrt.

Hierzu einige Beispiele aus den 20 Kommunen (5 Prozent), die vor Ort die meisten betrieblichen Angebote aufweisen. Während die Stadt München mit 73,76 Angeboten je 1.000 Einwohner ohnehin schon zu den bestversorgten Kommunen zählt, steigt das Angebot nach Einbeziehen des Umfeldes sogar auf 96,29. Hier sind also auch außerhalb der Stadtgrenzen zahlreiche Unternehmen angesiedelt, die betrieblich weiterbilden. Ähnlich das Bild in Frankfurt am Main (68,84 auf 75,86), Stuttgart (66,06 auf 75,73) und Freiburg (64,61 auf 75,82).Der Angebotswert kann allerdings durch das Umfeld auch abnehmen: So sinkt das Angebot des Landkreises München beispielsweise von 87,38 auf 72,46, weil dort mehr betriebliche Angebote vorliegen als in der Stadt München. Ein ähnliches Bild zeigt sich in Passau (67,92 auf 56,84) und Darmstadt (64,64 auf 58,83).

 

Unter den schwächsten 20 Kommunen (5 Prozent) finden sich auffallend viele Städte aus dem Ruhrgebiet. Sie alle profitieren bei der betrieblichen Weiterbildung von ihrem Umfeld. Beim Vergleich zwischen dem Wert der Kommune und dem erweiterten Angebot legen sie teils erheblich zu: Herne beispielsweise von 27,78 auf 45,97, Gelsenkirchen von 28,64 auf 47,73 oder Duisburg von 29,22 auf 47,42. In den übrigen bundesdeutschen Regionen liegen schwache Kommunen ansonsten häufig neben anderen schwachen Kommunen – insbesondere in ländlichen Gebieten. Hier stechen besonders Kommunen im Osten der Republik ins Auge. Die geringsten Angebote betrieblicher Weiterbildung finden sich bei der Umfeldanalyse in den Landkreisen Märkisch-Oderland (22,18), Barnim (23,27) und Teltow-Fläming (23,91). Hier fallen die Umfeldangebote im Vergleich zu denen in der Kommune um fast 40 Prozent ab. Aber auch im Westen finden sich Kommunen, bei denen das Angebot im Umfeld deutlich geringer ist. Beispiele sind Borken, Bitburg-Prüm oder die Grafschaft Bentheim in Nordrhein-Westfalen: Es sind Kommunen in wirtschaftlich schwachen Regionen, die sich nicht wechselseitig stärken können.


Gutes betriebliches Weiterbildungsangebot in wirtschaftlich starken Kommunen

Die Ergebnisse des Deutschen Weiterbildungsatlas zeigen, dass das Angebot an betrieblicher Weiterbildung von der örtlichen Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftskraft abhängt. So ergibt sich unter anderem ein West-Ost-Gefälle, das die unterschiedliche Wirtschaftsstärke abbildet. Darüber hinaus zeigt sich, dass das Angebot an betrieblicher Weiterbildung bundesweit der Konjunktur zu folgen scheint. Allerdings wirken sich konjunkturelle Schwankungen auf die betriebliche Weiterbildung recht unterschiedlich aus, da Wirtschaftskraft und Branchenstruktur der einzelnen Kommunen (sowie ihres regionalen Umfeldes) stark differieren.

Ob und wie auch demografische Veränderungen (z.B. Abwanderung, Zuwanderung oder Überalterung) und die daraus möglicherweise resultierenden Fachkräftebedarfe Einfluss auf das Angebot betrieblicher Weiterbildung haben, ist eine wichtige Frage für zukünftige Analysen. Es scheint zumindest wahrscheinlich, dass der Bedarf an Fachkräften auch in Zeiten des Abschwungs zu einer Stabilisierung der betrieblichen Weiterbildung beitragen könnte. Dann nämlich sind Unternehmen verstärkt gezwungen, eigene Mitarbeiter für diese Stellen zu qualifizieren.


Studie Deutscher Weiterbildungsatlas

Die Broschüre des Deutschen Weiterbildungsatlas bietet Ihnen alle zentralen Ergebnisse und Zusammenhänge in kompakter Form. Neben den Berichten mit der Einordnung der Ergebnisse, finden Sie hier alle wichtigen Karten und Grafiken. Darüber hinaus finden Sie hier auch die Kurzfassungen der Fallstudien sowie Ausführungen zur Methodik.
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Ergebnisbericht

In dem Ergebnisbericht des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) des WBV-Verlags finden Sie weiterführende Informationen zu den Ergebnissen und Methoden sowie die ausführlichen Fallstudien der Wissenschaftler vom DIE und der FU Berlin.

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